Kinder & Jugendliche im Corona-Lockdown: Wie wir Erwachsenen versagt haben und was wir jetzt tun müssen

Jugendliche im Corona-Lockdown
Kinder und Jugendliche im Lockdown – asmira.de (Bild von Pixabay)

Der Lockdown, er ist jetzt schon über ein Jahr her – mal mehr mal weniger. Unendlich viel ist in dieser Zeit schon passiert. Und immer ist dieses große Unbekannte da, welches als Gefahr über uns allen  schwebt. Jeder von uns ist so sehr damit beschäftigt irgendwie den Alltag hinzukriegen, irgendwie Geld zu verdienen, irgendwie normal zu bleiben bei diesen verrückten  Zeiten.

Die Freistunden bei Mäcces waren zu Schulzeiten der Hit

Letzte Nacht habe ich von meiner Schulzeit geträumt. Eigentlich arten solche Träume immer in Albträume aus, denn ich war nie gerne in der Schule: So viel Druck, so viel Lernerei, so viel Stoff, so viele blöde Lehrer, so viel Unnützes Zeug. In diesem Traum ist mir jedoch bewusst geworden, dass es auch einen positiven Aspekt an der Schule gab: Die wild zusammengewürfelten Menschen, die in dieser herausfordernden und schweren Schulzeit immer an meiner Seite standen. Gemeinsam haben wir diese hohen Anforderungen gewuppt, uns gegenseitig den Tag versüßt und sei es auch nur, dass wir in der Freistunde schnell zu Mäcces gefahren sind, um uns eine Junior Tüte zu holen, bevor es dann wieder in den Matheunterricht mit infinitesimalen was auch immer ging. Wir haben zwischendurch einfach Spaß gehabt, wertvolle Augenblicke gehabt, dem Druck und dem Stress des Schulalltags zu entrinnen. 

Diese Menschen haben es schon zur damaligen Zeit geschafft Licht in die dunkle Schulzeit zu bringen. Deswegen besteht mein Freundeskreis noch heute aus vielen alten Schulfreuden. Denn diese Zeit verbindet uns alle auf einer Ebene, die es so nie mehr wieder in unserem Leben gibt. Damals hatten wir keine  (großen) Sorgen um unsere Finanzen, Zukunft, Job. Die Schule war einfach nur scheiße und wir haben versucht in unserer Lebenszeit diese Scheiße mit grandiosen Freunden bestmöglich zu kompensieren. 

Es gibt im Lockdown keine Freude – nur Leid

Jetzt fällt das Ganze – sowohl Freud als auch Leid – für die  heutigen Kinder und Jugendlichen weg. Die Spontanität, die Gelassenheit, das „an einem Strang ziehen“. Sie sitzen mit uns Erwachsenen in einem Boot und müssen zusehen, dass sie irgendwie gemeinsam mit uns ans andere Ende des Flusses kommen. Nur, dass das Boot viel zu klein ist und überall Löcher hat und droht zu sinken. 

Es wird nicht mehr Freud und Leid geteilt. Es gibt nur noch Leid im Sinne von Hausaufgaben, Prüfungen, Stoff pauken. Aber keine gemeinsame, geteilte Freude zwischendrin. Das wurde ihnen einfach genommen – und das schon seit über einem Jahr.

Spielplatz für Kinder im Corona-Lockdown
Spielplatz im Lockdown – asmira.de (Bild von sandid-356019 auf Pixabay)

Wir Erwachsenen haben versagt

Wir Erwachsenen haben somit zugelassen, dass Kinder und Jugendliche, die eigentlich unter unserem Schutze stehen, welches gesetzlich verankert ist, um sie zu schützen, die gleiche Verantwortung tragen wie wir Erwachsenen. Und nicht nur das: Wir nehmen ihnen gleichzeitig ihre Freiheit, ihre Unbeschwertheit, ihre eigentlich schon sehr kurze Zeit ihrer Kindheit und Jugend. Von unseren 80 Jahren, die wir wahrscheinlich auf der Welt leben, sind wir gerade mal 18 Jahre Kind oder Jugendliche. Das sind gerade mal 20% unserer Lebenszeit. Und diese Lebenszeit verbringen Kinder und Jugendliche gerade mit dem nackten (psychischen) Überlebenskampf. 

Ein Jahr ist für Kinder und Jugendliche eine extrem lange Zeit. Erinnert euch zurück daran, wie lange es für euch zwischen den Sommerferienende und Weihnachten gedauert hat. So sehr haben wir damals den Feiertagen und Ferien entgegengefiebert, uns gefreut, das Jahr kam uns ewig lang vor. Und so ist es auch für Kinder und Jugendliche normalerweise. In einem Jahr entwickeln sie sich so sehr wie Erwachsenen in vielleicht 5 Jahren…?

Die Lebenszeit ist Kindern und Jugendlichen genommen

Für die Kinder und Jugendlichen geht es gerade nicht darum, wie schwer die nächste Klausur wird oder wie die letzte Fahrstunde war. Es geht nicht darum vor der Biologie-Stunde nochmal schnell die Hausaufgaben vom Nachbarn abzuschreiben. Es geht darum den Tag zu überleben, und das allein. Ihnen wird gerade so wichtige Lebenszeit genommen, in der sie sich einfach auf sich selbst konzentrieren sollten, ihren eigenen Weg finden sollten, sich selbst entfalten sollten. 

Die Eltern sind alle schon mit sich selbst überfordert, müssen noch arbeiten nebenbei und sich um die Finanzen kümmern. Keine Zeit und Muße für Homeschooling geschweige denn für ein echtes offenes Ohr für die Belange der Kinder. Auch das kriegen die Kinder mit. Unsere Sorgen und Nöte. Nur im Gegensatz zu uns können sie nur ohnmächtig zusehen, anstatt aktiv etwas dagegen zu tun.

Selbst Erwachsene können zwischen Home Office und Freizeit nicht mehr unterscheiden

Wir Erwachsenen tun uns schon schwer zwischen Home Office- und Freizeit zu trennen. Was soll man auch großartiges in der Freizeit machen? Wie soll es da schon Kindern und Jugendlichen ergehen, wenn wir Erwachsenen keine Trennung hinkriegen? Wir hatten zumindest die Chance in unserer Kindheit und Jugend unser Leben so gut es geht zu formen, Abzweigungen zu nehmen, einen U-Turn zu machen. Die Kinder und Jugendlichen heute treten einfach nur auf der Stelle. Achso und vielen Dank für den tollen Einfall, einfach das Schuljahr zu wiederholen. Das macht die ganze Sache natürlich viel erträglicher…

Scheiß auf den Schulstoff – darum geht es nicht

Es geht heute vielmehr denn je darum, die wirklichen Belange der Kinder und Jugendlichen allumfassend zu erfassen. Es geht nicht darum irgendeinen bescheuerten Stoff durchzukriegen. Es geht darum, den Kindern und Jugendlichen ihre Unbeschwertheit wieder zurück zu geben. Ihnen wieder etwas Normalität wiederzugeben. Da stehen wir Erwachsenen in der Verantwortung das für unsere Kinder und Jugendlichen, die unsere Zukunft sind, zu gewährleisten, unsere eigenen Bedürfnisse zurück zu stellen, damit es ihnen wieder besser geht. Denn wir sind für unsere Kinder und Jugendlichen verantwortlich. 

Kinder und Jugendliche sollten nicht mit uns im selben Boot sitzen. Sie sollten am sicheren Ufer stehen und darauf warten, dass wir sie mit einem sicheren Schiff ans andere Ufer begleiten. Und bis dahin sollten sie und ihre Belange im Vordergrund stehen, sie sollten geschützt werden, sie sollten ihre Unbeschwertheit zurück erlangen so gut es geht.

Meine Forderung:

  1. Impfdosen erhöhen. Die, die nicht geimpft werden möchten, haben Pech gehabt.
  2. Erstimpfung reicht schon aus, um vor schweren Verläufen geschützt zu sein.
  3. Schulen komplett öffnen –> ggf. eigenverantwortliche Kontaktbeschränkungen zu Risikogruppen bzw. es sollten einfach bereits alle geimpft sein
  4. Behutsame Rückführung der Kinder und Jugendlichen in einen unbeschwerten Alltag: Es geht dann nicht wieder darum möglichst viel Stoff durchzubekommen, sondern für die Kinder und Jugendlichen da zu sein, ein offenes Ohr zu haben, sie auf ihrem Weg zur Unbeschwertheit zu begleiten. Den Lehrern Psychologen zur Seite stellen, die den Lehrern und Kindern / Jugendlichen helfen das traumatische Jahr zu verarbeiten.

Wir Erwachsenen stehen in der Verantwortung für unsere Kinder und Jugendlichen. Wir müssen ihnen wieder das Stück Normalität und Unbeschwertheit zurückgeben, was wir ihnen willkürlich für schon so lange Zeit genommen haben. Wir müssen unsere Sorgen und Nöte zurückstecken und Kinder und Jugendliche wieder da sein lassen, was sie sind: Kinder und Jugendliche. Wir müssen dafür sorgen, sie wieder zurück ans sichere Ufer zu bringen, um sie später mit einem sicheren Schiff wieder abzuholen.