Sicherheitnetze

Sicherheitsnetze - Achtsamkeit im Alltag - asmira.de
Sicherheitsnetze geben nicht immer Sicherheit – asmira.de
Image by Pascal Beckmann from Pixabay 

Sicherheitsnetze geben nicht immer Sicherheit. Wenn es drauf ankommt, erkennst du, was dir wirklich Sicherheit gibt.

Kennst du das? Du balancierst durch das Leben, mal schwinkst du mehr auf die eine Seite, mal mehr auf die andere. Doch du traust dich immer weiter zu balancieren, auf diesem dünnen Seil des Lebens. Es kommen immer mal wieder Turbulenzen und das Seil schwankt erschreckend doll hin und her, doch du schaffst es meist aus eigener Kraft auf dem Seil zu bleiben und die Balance zu halten. Denn du weißt, dass da Sicherheitsnetze sind. Diese Sicherheitsnetze sind immer da, das weißt du ganz genau. Du bist 100%ig davon überzeugt, dass diese Sicherheitsnetze im Notfall da sind, um dich vor dem Fall zu schützen. Sie sind einfach da, du musst nicht nach unten gucken und prüfen, ob sie wirklich da sind, weil du einfach WEISST, dass sie da sind. Du WEISST einfach, dass sie immer für dich da sein werden, falls du mal vom Lebensseil fällst. Du WEISST, dass sie dich auffangen werden und der Aufprall nicht ganz so schmerzhaft sein wird. 

Und dann ändert sich alles…

Eines Tages – und du rechnest einfach überhaupt nicht damit- kommst du ganz erheblich aus der Balance. Die Schwingungen des Seils sind zu stark, als dass du dich selbst aus eigener Kraft wieder einpendeln könntest und du gerätst aus der Balance. So sehr, dass du fällst. Immer tiefer in den Abgrund. Zuerst kriegst du Panik, denn Fallen ist eines der tiefsitzenden Ängste von uns Menschen. Doch diese Panik ist nur von kurzer Dauer, denn du weißt ja, dass die Sicherheitsnetze da sind und dich auffangen werden – egal wann, sie werden dich auffangen.

Doch nach einer geraumen Zeit im freien Fall merkst du, dass diese Netze dich immer noch nicht aufgefangenen haben. Und du sorgst dich. Du fragst dich zum allerersten Mal seit Jahren, ob die Sicherheitsnetze überhaupt da sind. Am Anfang schiebst du diesen absurden Gedanken weg, denn du weißt ja seit quasi immer schon, dass diese Netze da sind und dich auffangen werden. Doch je  tiefer du fällst, desto unsicherer wirst du. Eigentlich willst  du das gar nicht, weil eigentlich willst  du darauf vertrauen, dass sie da sind. Doch irgendwann wird die Sorge drüber, dass du hart auf dem Boden aufprallst größer, als alles andere. Und du tust es, du guckst runter und suchst die Sicherheitsnetze.

Und dann trifft es dich wie ein Schlag: Sie sind nicht da…

…Sie sind einfach nicht da. Die Sicherheitsnetze, von denen du jahrelang einfach davon ausgegangen bist, dass sie da sind und dich auffangen werden egal wann: Sie existieren nicht. Sie waren nur eine Illusion, über so viele Jahre hast du einfach darauf vertraut und fest daran geglaubt, dass diese Sicherheitsnetze da sein werden für dich, um dich aufzufangen. Du warst dir so sicher, dass sie da sind. So sicher wie der Sonnenaufgang, so sicher wie der Frühling nach dem Winter, so sicher wie das Atmen, so unendlich sicher warst du, dass diese Seile da sein werden. Und sie waren es einfach nicht. In der ersten Panik greifst du selbst in alle möglichen Richtungen und versuchst selbst den Aufprall  möglichst abzudämpfen. Du krallst dich an den Felswänden fest, an den Ästen der herabhängenden Bäume, an allem, was du dir greifen kannst, damit du den schmerzhaften Aufprall zumindest etwas abfedern kannst.

Und du bist am Boden angelangt. Und es geht dir gut. Du hast es überlebt. Das hast du all den anderen Dingen zu verdanken, die dir das Leben gerettet haben und dich vor dem schmerzhaften Aufprall bewahrt haben: Die Äste, die Felswand, das dicke Moos am Boden. Sie waren einfach da, auf ganz natürliche Weise. Sie alle haben dafür gesorgt, dass es dir gut geht und du dich nicht dauerhaft schmerzlich verletzt hast. Du denkst jetzt gar nicht an die fehlenden Sicherheitsnetze, sondern versuchst Stück für Stück wieder zurück auf dein Lebensseil zu kommen.

Doch langsam geht es wieder Bergauf

Langsam, sehr langsam, steigst du den Berg des Lebens wieder hinauf. Du nimmst während des Aufstiegs zuerst den direkten Weg und merkst, dass du schnell aus der Puste bist und dich das viel zu viel Energie kostet. So nimmst du den längeren Weg. Auf diesem Weg begegnen dir viele schöne Blumen, Bäume und Tiere. Die hast du vorher nie bemerkt. Und so gehst du deines Weges langsam in deinem Tempo, machst Pausen und gönnst dir Auszeiten. An die fehlenden Sicherheitsnetze versuchst du gar nicht erst zu denken – zu schmerzhaft und energiezehrend sind diese Gedanken. Diese Energie brauchst du gerade für deinen Aufstieg. 

Und so langsam kommt das Lebensseil wieder in Sicht und du freust dich, dass du es bald schon geschafft hast. Du merkst, dass es ein sehr anstrengender Weg war, doch du freust dich wieder auf den Ausblick von oben und auf die neuen Abenteuer. 

Du hast es allein nach oben geschafft

Oben angekommen, atmest du noch einmal tief ein und aus. Sowie du den ersten Schritt auf dem Lebensseil machen möchtest, hälst du kurz inne. Bevor du dich wieder auf das Seil traust, schaust du nach unten und prüfst nochmal, ob die Sicherheitsnetze jetzt wieder da sind. Vielleicht waren sie nur gerade kurz weg, gerade dann als du gefallen bist. Es wäre natürlich schade, weil du sie dann am meisten gebraucht hättest, doch du möchtest dem ganzen trotzdem nochmal eine Chance geben, schließlich sind die Seile dein ganzes Leben da gewesen, um dir Sicherheit zu geben. Dachtest du zumindest.

Sowie du runter schaust, merkst du, dass die Sicherheitsnetze immer noch nicht wieder da sind. Und du bist traurig. Du fühlst dich allein und im Stich gelassen: Wie sollst du jetzt sicher auf dem Lebensseil balancieren? Wie soll es ohne die Sicherheitsnetze weitergehen?

Und dann erinnerst du dich daran, dass du beim Fall so viele andere Dinge hattest, die dir geholfen haben: Die Felswand, die  Äste der herausragenden Bäume, das dicke Moos. So viele Dinge, die sich vor dem Aufprall gerettet haben und ihn abgedämpft haben. Und sie waren immer da und das obwohl du gar nicht mit ihnen gerechnet hast. Trotzdem waren sie da, als es darauf ankam dich aufzufangen. 

Und du weißt jetzt, dass du nicht alleine bist. Du weißt, dass es nicht wichtig ist, ob die Sicherheitsseile da sind oder nicht, denn du hast so viel mehr noch, was dir Sicherheit gibt und immer geben wird. Und du wagst wieder deine ersten Schritte auf dem Lebensseil.