Das Fass

Das Fass Umgang mit Angst und Trauer Achtsamkeit Asmira.de
Das Fass: Umgang mit Angst und Trauer – Asmira.de (Image by Lutz Peter from Pixabay)

Zum Umgang mit Angst und Trauer. Eine Kurzgeschichte, die dich inspirieren soll.

Ich trage ein Fass. Es ist so groß, dass ich es mit meinen Armen kaum umfassen kann. Ich halte dieses unendlich schwere Fass in meinen Armen und darf es auf keinen Fall abstellen. Es ist so schwer, weil so viel schon drin ist. So viel, was sich über Jahre und Jahrzehnte in diesem Fass angesammelt hat. Das Fass ist so schwer und drückt auf meine Brust, sodass ich kaum noch atmen kann. Es bilden sich Schweißtropfen auf meiner Stirn und meine Arme werden schwer, doch ich darf das Fass nicht loslassen. Ich versuche starr geradeaus zu schauen, versuche diese unendliche Schwere zu ignorieren. Doch meine Schmerzen werden von Tag zu Tag größer. Ich halte es kaum noch aus.

Zwischendurch bewege ich mich etwas, um meine schweren Arme etwas zu entlasten. Dabei schwappt etwas vom Inhalt des Fasses über, weil das Fass schon so unendlich voll ist. Das darf nicht passieren, ich versuche mich noch mehr anzustrengen. Ich bin angespannt, mein ganzer Körper ist bis zum letzten Muskel, bis zur letzten Sehne angespannt, damit nichts mehr vom Inhalt ausläuft – das darf nicht passieren. Ich muss allen zeigen, dass ich es schaffe. Ich schaffe es, das Fass, was ich kaum umfassen kann und was unendlich schwer ist, noch weiter zu tragen. Bloß nicht abzusetzen. Ich bin stark, ich zeige keine Schwäche, indem ich das Fass absetze. Mit all meiner Kraft versuche ich das Fass ruhig zu halten, damit nichts überschwappt. Ich bewege mich kaum noch, ich atme kaum noch. De Schweiß rinnt an meinem Gesicht hinab. 

Doch eines Tages kommt die Sonne und strahlt mir friedlich in mein Gesicht. Sie sagt mit, dass ich das Fass ruhig abstellen kann. Es wird nichts passieren, ich darf das Fass loslassen und meine Arme ausschütteln. Ich habe das Fass lange genug getragen, sagt die Sonne. Ich bin mir unsicher, ich habe es schließlich so lange schon getragen. Ich habe es noch nie abgesetzt, was wird bloß passieren? Doch die Sonne sagt, dass nichts Schlimmes passieren wird – im Gegenteil, es wird mir besser gehen: Es ist Zeit das Fass loszulassen. Ich hadere mit mir. Kann ich der Sonne vertrauen? Auf der einen Seite, möchte ich das Fass so gerne endlich loslassen und meinem Körper die Anspannung durch das Tragen nehmen. Auf der anderen Seite, weiß ich nicht, was passieren wird. Bisher wusste ich immer was passiert: Ich trage das Fass. Doch jetzt…?

Nach langem Überlegen, versuche ich das Fass nicht so weit oben vor meinem Körper zu tragen sondern trage es langsam etwas tiefer. Ich warte ab. Es passiert nichts. Ich versuche es noch ein Stückchen mehr, noch etwas tiefer zu tragen. Dabei schwappt etwas vom Inhalt heraus. Ohje, voller Panik, will ich das Fass wieder höher tragen, als die Sonne mich beschwichtigt, dass es in Ordnung ist. Es ist okay, wenn der Inhalt überschwappt, das Fass ist einfach viel zu voll. Ich entscheide mich der Sonne zu vertrauen, weil ich nicht mehr kann und das tiefer tragen des Fasses mir schon so sehr geholfen hat. Ich erlaube mir das Fass abzulegen.

Langsam, Stück für Stück, setze ich das Fass immer tiefer bis es sanft auf dem Boden angelangt. Ich halte kurz die Luft an und warte, was jetzt passiert. Dabei bemerke ich gar nicht, was für eine Erleichterung meinen gesamten Körper durchströmt. Es passiert nichts. Merkwürdig… So langsam spüre ich meine Arme wieder. Sie kribbeln ganz stark von dem jahrzehntelangem Halten des Fasses. Meine Schulter spüre ich ganz stark, sie sind ganz steif und verkrampft. Langsam schüttele und dehne ich meine Arme und lass meine Schultern leicht kreisen. Ich bewege meinen Rücken, meine Beine und spüre, wie die Anspannung aus meinem ganzen Körper weicht.

Jetzt, da nichts passiert ist, bin ich neugierig, was genau in dem Fass ist. Ich schaue hinein und bemerke, dass es eine Flüssigkeit ist. Die Flüssigkeit ist voll von meinen Ängsten, die ich unterdrückt habe, Sorgen, die ich nicht ausgesprochen habe und Tränen, die nie geflossen sind, die ich über die Jahre angesammelt und in diesem Fass gesammelt habe. Diese Emotionen haben nie die Oberfläche gesehen, ich habe sie stets in diesem Fass aufbewahrt. Das war mir gar nicht bewusst. Ich wusste nur, dass ich dieses Fass um jeden Preis halten muss.

Plötzlich knackt es und es entsteht ein Loch am unteren Ende des Fasses. Voller Panik hocke ich mich zum Loch und schaue mir das an. Ich versuche es zu stopfen mit meinen bloßen Händen. Doch die Sonne beruhigt mich und erklärt mir, dass das Loch gewollt ist. Es ist dafür da, dass die angesparte Flüssigkeit aus dem Fass entrinnt. Es ist in Ordnung, wenn der Inhalt das Fass verlässt. So stell ich mich wieder hin und schaue verblüfft auf das Loch im Fass. Ich bin einfach nur noch so erleichtert, dass ich nichts machen muss, nicht mehr funktionieren muss, um das Fass zu halten. Ich entscheide mich dafür, der Sonne zu vertrauen. Ich sehe, wie die Flüssigkeit, die ich über Jahre und Jahrzehnte vor mir hergetragen hab, aus dem Fass entrinnt. Ängstlich und doch fasziniert lasse ich es zu, denn ich merke, dass nichts Schlimmes passiert.

Die Flüssigkeit bahnt sich seinen Weg aus dem Fass auf die Erde. Zunächst saugt die Erde die Flüssigkeit auf, doch weil der Inhalt des Fasses so groß ist, bildet sich schnell eine Pfütze. Ob ich jetzt etwas unternehmen muss? Die Sonne erkennt meine Sorge und beschwichtigt mich, dass das in Ordnung ist. Es gehört so und ich muss nichts tun außer zu zu schauen. Und die Sonne behält Recht. Nach einer kurzen Zeit schon, hat der letzte Schluck Flüssigkeit das Fass verlassen und der letzte Tropfen wurde von der Erde eingesogen, sodass die Erde wieder trocken ist wie zuvor auch.

Ich verstehe. Ich verstehe und bin erleichtert, das Fass nicht mehr tragen zu müssen. Ich verstehe, dass meine Ängste, Sorgen und Trauer in Ordnung sind. Dass sie nicht in ein Fass gehören und vor allem, dass ich nicht dafür sorgen muss, dass sie nicht an die Oberfläche kommen. Im Gegenteil, alle Ängste, Sorgen und Trauer sind da, um mir zu helfen. Sie tun mir nichts Böses, sie sind einfach da und gehen bald darauf schon wieder. Sie befeuchten kurz die Erde und dann werden sie wieder aufgesogen. Alles ist gut, es gibt genug Erde, um meine Ängste, Sorgen und Trauer aufzunehmen. Es herrscht Ruhe um mich herum und in mir. Ich bin voller Frieden und innerer Balance und muss nichts mehr vor mich her balancieren.

Beim nächsten Mal, wenn meine Angst kommt, spüre ich sie und lasse sie dann weiterfließen in Richtung Erde. Ich werde zum Beobachter meiner Emotionen. Ich sehe, wie sie kommen und dann wieder gehen. Ich nehme sie war und lass sie dann wieder weiterziehen. Ich muss hierfür nichts mehr tun. Kein Fass mehr halten. Ich muss einfach nur sein.

Mehr zum Thema Gefühle findest du in meinem Artikel Gefühle.

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